Lieblingsmusik für Menschen mit Demenz, die im Pflegeheim leben
„Individualisierte Musik für Menschen mit Demenz - Verbesserung von Lebensqualität und sozialer Partizipation für Menschen mit Demenz in der institutionellen Pflege“ (2018 -2021)
Freude beim Hören der Lieblingsmusik.
Foto: René Schwerdtel (Kummerfeldt-Stiftung & Diakoniestiftung Thüringen)
Ah, das kenne ich von früher, das fand ich schön
Musikhörende Projektteilnehmerin nach dem Musikhören
Im Jahr 2016 wurde in der Abteilung Klinisch-psychologische Intervention der Universität Jena unter Leitung von Prof. Dr. Gabriele Wilz eine Pilotstudie zum Einsatz von Lieblingsmusik in der stationären Pflege umgesetzt. Teilgenommen haben 20 Menschen mit Demenz in einem Pflegeheim in Weimar. Aufgrund der eindrücklichen und positiven Ergebnisse wurde im Anschluss die erste großangelegte randomisierte-kontrollierte Studie zu individualisierten Musikhörinterventionen in Deutschland ins Leben gerufen.
Diese Studie befasste sich mit der Wirkung individualisierter Musik auf Menschen mit Demenz aller Schweregrade in stationären Pflegeeinrichtungen.
Über das Studiendesign
Fragestellungen des Projektes
Wie nehmen die Bewohnerinnen und Bewohner das regelmäßige Hören von individualisierter Musik an?
Wie wirkt sich die Musikintervention auf die Lebensqualität, das Wohlbefinden, das soziale Miteinander sowie das herausfordernde Verhalten von Menschen mit Demenz aus?
Wie kann die Musikintervention im Alltag des Pflegeheims umgesetzt und in den Pflegealltag integriert werden?
Teilnehmende Einrichtungen
Die Durchführung der Musikintervention fand nacheinander in fünf Pflegeheimen in Thüringen statt:
Sophienhaus, Weimar
Andreashof, Erfurt
Friedrich-Zimmer-Haus, Weimar
Martin-Luther-Haus, Erfurt
Luisenhaus, Jena
Durchführung des Projektes
Es handelte sich um eine randomisiert-kontrollierte Studie mit einer Interventions- und Kontrollgruppe und einem Prä-Post-Follow-up-Design. Dies bedeutet, dass die teilnehmenden Menschen mit Demenz zufällig einer von zwei Gruppen zugeteilt wurden. Insgesamt nahmen 118 Menschen mit Demenz an der Studie teil. Die Teilnehmenden der Kontrollgruppe erhielten keine Musikintervention sondern lebten ihren gewohnten Alltag im Pflegeheim. In der Interventionsgruppe hörten die Menschen mit Demenz über 6 Wochen hinweg alle zwei Tage über ein tragbares Abspielgerät (MP3-Player) und Kopfhörer ihre Lieblingsmusik. Sie wurden dabei durch Mitarbeitende des Projektteams oder des Pflegeheims, Angehörige oder Ehrenamtliche begleitet.
Alle Schritte der Umsetzung wurden detailliert dokumentiert. 6 Wochen vor Beginn der Interventionsphase, direkt davor sowie direkt danach und weitere 6 Wochen später wurde das Pflegepersonal zu verschiedenen Aspekten des Befindens der Menschen mit Demenz per Fragebogen befragt. Im Verlauf der Interventionsphase fanden bei Teilnehmenden beider Gruppen drei 60-minütige Verhaltensbeobachtungen statt, die bei Einverständnis auch auf Video aufgezeichnet wurden. Zudem wurden bei vorliegendem Einverständnis auch Speichelproben entnommen, um biologische Stressmarker zu untersuchen. Nach Abschluss der Intervention wurden in Fallkonferenzen die individuellen Auswirkungen der Musikintervention auf die Teilnehmenden besprochen.
Ablauf der Musikintervention
Erstellen einer Musikliste
Die Angehörigen und Teilnehmenden mit Demenz wurden nach Lieblingsliedern und Lieblingskünstler*innen gefragt, aber auch, welche Musik auf besonderen Ereignissen wie beispielsweise Familienfeiern gehört wurde. So entstanden sehr individuelle, jeweils ca. 20 min. lange Musiklisten.
Foto: René Schwerdtel
Wirkung der individualisierten Musikintervention
Die individualisierte Musikintervention konnte erfolgreich in allen teilnehmenden Pflegeheimen umgesetzt werden. Das regelmäßige Hören der Lieblingsmusik wurde seitens der Mitarbeitenden der Pflegeheime als große Unterstützung wahrgenommen. Die Ergebnisse zeigen die sehr gute Anwendbarkeit und hohe Akzeptanz der Intervention. Die individualisierte Musikauswahl und die gewählte Frequenz und Dauer der Intervention wurde zudem sehr positiv bewertet.
In den 60-minütigen Verhaltensbeobachtungen zeigten sich individuelle, vorwiegend positive Reaktionen auf das Musikhören bei den teilnehmenden Menschen mit Demenz. Wir beobachteten unter anderem Freude, Genuss, Entspannung, Rührung, Gespräche, Mitsingen und Mittanzen oder auch versunkenes, ruhiges Zuhören.
Die positiven Rückmeldungen nach Ende der sechswöchigen Interventionsphasen zeigen, dass für einen Großteil der Teilnehmenden die Fortführung des regelmäßigen Musikhörens gewünscht wird.
„Er war ausgeglichener, er war nicht so verbal ungehalten wie oft sonst.“
Mitarbeiterin des Sozialen Dienstes über einen Teilnehmer
Unser Forschungsprojekt zeigt: Das Hören individualisierter Musik für Menschen mit Demenz ist eine einfach umzusetzende, kostengünstige, nicht-medikamentöse und innovative Intervention für Menschen mit Demenz aller Schweregrade in der institutionellen Pflege.
„Danke, dass ich das jetzt hören durfte, ich finde das so schön.''
Musikhörende Projektteilnehmerin nach dem Musikhören
Das Hören persönlicher Musik kann zu einer außergewöhnlichen positiven Wirkung auf Menschen mit Demenz, die in Pflegeheimen leben, führen.
Abbildungen: René Schwerdtel (Kummerfeldt-Stiftung & Diakoniestiftung Thüringen)
Projektteam
Gruppenbild Musikprojekt
Foto: Anne Günther (Universität Jena)
Projektleitung Prof. Dr. Gabriele Wilz
Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen Elisabeth Jakob, M.Sc. Dr. Lisette Weise
Dieses Projekt wurde gefördert durch:
Logo des GKV Spitzenverbandes der Pflege- und Krankenkassen